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Der Botschafter an Hawkins Statt
 
Erster Gospelworkshop des Cantus e.V. in Süddeutschland
 
Es klingt in etwa so, als brause eine Dampflok durch das Untergeschoss der Stuttgarter Jugenherberge. Doch die Geräuschquelle ist rein menschlicher Natur: 60 Leute stehen dort in einem hell erleuchteten Aufenthaltsraum und machen gerade Atemübungen. Plötzlich haut jemand einen synkopischen Rhythmus in die Tasten, es klingt nach einem E-Piano. - Nein, hier sollen bestimmt keine Bach-Choräle eingeübt werden. Was da gespielt wird, scheint eher Jazz zu sein.
 
"Dum du dum da dubi du dum", schallt es jetzt aus allen Kehlen. Ina schnipst rechts mit den Fingern; in der linken Hand hält die 21-Jährige aus Geislingen ein buntes Buch. "Open Up Wide", steht da drauf und Insider wissen: das ist das Gospelbuch, das der NAK-eigene Bischoff-Verlag seit Neuestem vertreibt. Gerade singt der Chor "Jesus Is My Salvation", was echt gut abgeht; "I'm so happy..."

Dieses Lied könnten die Teilnehmer des Workshops endlos singen. Und nicht nur der Mund bewegt sich dabei, auch die Hüfte swingt kräftig mit. - Eigentlich ungewöhnlich für neuapostolische Christen, zumindest, wenn sie sich im kirchlichen Rahmen treffen. Noch ungewöhnlicher ist aber, dass sie dazu explizit von einem Bezirksältesten aufgefordert werden: "Da ist Bewegung drin, ihr müßt richtig mitgehen", ruft Wolfgang Lack. Wo es noch nicht aus dem Bauch kommt, da gibt man sich jetzt erkennbar Mühe, wenigstens das Standbein zu verlagern.

Der Älteste aus dem Kirchenbezirk Herford ist ein wahrer Botschafter an Edwin Hawkins´ Statt. Hochaufgeschossen steht er da: beige Cordhose, Birkenstocksandalen, irgendwie so, als wäre die Friedensbewegung seine wahre Heimat. - Was ist so jemand von Beruf? Natürlich Lehrer, genauer gesagt: Lehrerausbilder. 48 Jahre ist er alt, mit 30 Jahren kam er schon ins Bezirksältestenamt. Heute ist er gleichzeitig Musikbeauftragter der Gebietskirche Nordrhein-Westfalen und wirkt am neuen NAK-Gesangbuch mit. Wenn er die Lieder auf dem Piano begleitet, dabei immer wieder improvisiert, dann kommt da eine ganze Lebenseinstellung 'rüber. Die Töne sprühen wie Funken durch den Raum.

Die Begleitung von Gospels ist aber nicht der wesentlichste Punkt in Lacks musikalischem Wirken. Er komponiert seit 1997 auch ungewöhnliche Lieder für den Jugentag in Nordrhein-Westfalen. "Wer schenkt mir Kraft, mit der man's schafft, sich zu entscheiden und Falsches zu meiden?", sang man z.B. 1998. Da sitzt er dann auf der Bühne, sein E-Piano vor ihm und ein paar tausend Jugendliche singen etwas, was anderswo "neues geistliches Liedgut" genannt wird. - "Du bist die Liebe! Du bist mein Friede!" - Die Melodie ist einfach und geht ins Ohr, während die Harmonien immer wieder aus dem klassischen Moll/Dur-Wechsel ausbrechen. So kommt ein bisschen poppige Atmosphäre auf.

"wolander" - so sein Pseudonym - ist sich bewusst, dass er in einem Stil komponiert, der in der Neuapostolischen Kirche bisher keinen Platz hatte. Vielleicht steht auch deshalb das Kürzel für "wolfgang lack der andere". Aber viel wichtiger als das Überwinden dieser kulturellen Hürde ist ihm Folgendes: "Junge Leute haben manche Gedanken und Gefühle, die sie nicht in Worte kleiden können. Wir müssen ihnen ein Sprachmedium anbieten, worin sie diese wiederfinden. Das gehört zu meinen seelsorgerischen Auftrag." So erklärt der Bezirksälteste seine Arbeit, wenn man ihn nach dem Warum fragt. Ebenso wichtig ist ihm, "dass wir endlich davon wegkommen: wir machen euch was vor - ihr dürft applaudieren." Seine Musik soll zum Mitmachen animieren.

Und das klappt hier in Stuttgart ganz gut. "Kann man den nicht für uns hier klonen?", fragt sich der Gemeindedirigent aus Singen. Mit knapp 50 zählt er zu den Älteren hier. Aber die Motivation ist die gleiche wie bei fast allen Teilnehmern: er will endlich mal wissen, wie man diese neuen Lieder in "Open Up Wide" eigentlich singt. Dagegen ist es eine Mischung aus Spaß an der Sache und beruflichem Interesse, die Annette Conrad hier herbringt. Die Leiterin der Musikabteilung im Bischoff-Verlag steht in der ersten Reihe und freut sich; vielleicht auch deshalb, weil es ihrem Engagement zu verdanken ist, dass überhaupt ein Gospelliederbuch in der NAK eingeführt wurde. Ein erster Schritt in die richtige Richtung, und nächstes Jahr folgt weitere neue Jugendchorliteratur, sagt sie.

Natürlich ist auch das Kennenlernen ein Thema auf diesem ersten Gospelworkshop in Süddeutschland. Öfter hört man den Satz: "Hier in Stuttgart haben wir ja so eine komische Einteilung in Apostelbezirke quer durch den Stadtkern. Hier lerne ich heute nette Leute kennen, die eigentlich nur ein paar Straßen weiter wohnen wie ich, denen ich aber seither nie begegnet bin."

Wirklich überraschend ist, dass Teilnehmer aus allen Altersgruppen zwischen 10 und 60 anwesend sind. Das Bedürfnis nach Gospels und neuer geistlicher Musik scheint demnach keine Generationsfrage zu sein, sondern eher ein Kulturrevolution innerhalb der Neuapostolischen Kirche.
 
m.koch/, 2002-09-25
 
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