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Hamburg meets Zürich
 
Bezirksapostel Leber wird Nachfolger von Stammapostel Fehr
 
Mit seinem Ruhestand ging Stammapostel Fehr angenehm offen um. Doch wer wird sein Nachfolger? Darüber spekulieren die Neuapostolischen derzeit gerne. Es gibt aber mittlerweile einige Fakten, die die Spekulationen beenden können.
 
Wuppertal (gk). Bezirksapostel Dr. Wilhelm Leber (Hamburg) ist nach Informationen von glaubenskultur der Nachfolger von Richard Fehr im Amt des Stammapostels. Der 57jährige ist derzeit Präsident der Neuapostolischen Kirchen in Norddeutschland (NAK Nord) und der Neuapostolischen Kirche Nordrhein-Westfalen (NAK NRW).

Bereits vor drei Jahren war aus gut unterrichteten Kreisen zu hören, dass der Hamburger Kirchenpräsident das oberste geistliche Amt der Neuapostolischen Kirche übernehmen werde. Als er vor zwei Jahren die Präsidentschaft der Gebietskirche NRW unter der Voraussetzung übernahm, diese nur für „zwei, drei Jahre“ auszuüben, galt sowohl der erweiterte Aufgabenbereich als auch die klare Befristung als weiteres Indiz für eine Berufung nach Zürich.

Grundsätzlich spricht für einen europäischen Bezirksapostel als zukünftiges Kirchenoberhaupt der Gottesdienstplan für 2005. Demnach finden fast alle Stammapostelbesuche nach Pfingsten in deutschen Städten statt. Zwei Ausnahmen gibt es: am 3. Juli ein Gottesdienst in Hilversum (Niederlande) und am 30. Oktober in Schaffhausen (Schweiz). Für ein nicht-europäisches Kirchenoberhaupt würde das einen sehr hohen Reiseaufwand bedeuten.

Von den europäischen Bezirksaposteln scheiden als plausible Nachfolgekandidaten die beiden jüngeren - Jean-Luc Schneider (45) und Wolfgang Nadolny (48) - mangels Erfahrung aus. Aus Altersgründen fallen Klaus Saur (geb. 1940), Armin Studer (geb. 1942), und Hagen Wend (geb. 1943) durch das Raster, die das 60. Lebensjahr bereits überschritten haben. Übrig bleiben Theodoor De Bruijn (geb. 1946), Wilhelm Leber (geb. 1947) und Wilfried Klingler (geb. 1949). Eine Berufung De Bruijns gilt als unwahrscheinlich und Klingler trat in der Vergangenheit sehr progressiv auf, was in der NAK-Geschichte bisher keinen zum Stammapostelamt qualifiziert hat.

Nach gk-Infomationen hat Leber dagegen seine Berufung zum Stammapostel im Kreis seiner Apostel offen angesprochen. Zudem war aus unterschiedlichen Quellen zu erfahren, dass er sich in Zürich eine Wohnung zugelegt hat. Im weiteren fällt auf, dass Stammapostel Fehr 14 Tage vor seiner Ruhesetzung ausgerechnet in Hamburg seinen letzten großen Gottesdienst hält.

Bis zu der Berufung Nadolnys als Bezirksapostel für die NAK Berlin-Brandenburg wurde spekuliert, dass eine Berufung Lebers zum Stammapostel den Zusammenschluss aller nördlichen Gebietskirchen unter Klingler zur Folge haben könnte. Ein Anzeichen
Veränderungen in den Gebietskirchen

dafür war, dass die NRW-Verwaltung in den letzten Jahren ihre Zusammenarbeit z.B. mit der Magdeburger Kirchenverwaltung intensiviert hat. Doch das Argument, das Richard Fehr jüngst in Berlin gegen die Angliederung der Gebietskirche an die drei „sächsischen“ Bezirke anführte, er könne sich nicht noch weniger Bezirksapostel in Europa leisten, ließ diese Vermutung platzen.

Bezirksapostel Leber bekräftigte zudem vor zwei Jahren im Gespräch mit gk, dass NRW nach seiner Interimszeit einen neuen eigenen Bezirksapostel bekommen werde. Für diese Position ist offenbar der 1949 geborene Apostel Christian Schwerdtfeger vorgesehen. Gleichwohl hält sich auch noch das Gerücht, Apostel Armin Brinkmann (gb. 1948) solle Leber folgen. Als Präsident für die norddeutschen Gebietskirchen ist Apostel Eckehard Krause im Gespräch.

Eine weitere Veränderung im Kreis der Bezirksapostel in Deutschland steht für dieses Jahr nicht an. In der letzten Zeit wurde angesichts des Stammapostelbesuches in Karlsruhe am 25. März und der damit verbundenen Übertragung für die beiden Gebietskirchen Süd und Hessen/Rheinland-Pfalz/Saarland spekuliert, in diesem Rahmen könnte die Ruhesetzung Bezirksapostel Saurs stattfinden. Wie aus Kreisen der leitenden Ämter zu vernehmen war, hat die Zuschaltung des Wend'schen Bezirkes jedoch schlicht den Grund, dass die Kirchenmitglieder dort vor der Ruhesetzung Fehrs noch einmal die Gelegenheit haben, das Kirchenoberhaupt zu erleben.

Bezirksapostel Wilhelm Leber gilt als der Wunsch-Stammapostel vieler Kirchenmitglieder in Deutschland. Er hat es in der Vergangenheit geschafft, in organisatorischen Dingen offen und
Was auf die Neuapostolischen zukommt
modern zu wirken. Auf der anderen Seite bewahrt er klassisch-neuapostolische Positionen und spricht gerne von der Bedeutung des "neuapostolischen Profils", wozu auch ein Bekenntnis zur Exklusivität zählt. Sein Führungsstil wird als kollegial und vertrauensvoll beschrieben.

Als Stammapostel Fehr in der Vergangenheit erstmals das Thema Ökumene offen angesprochen hatte, griff Leber die Horrorvorstellung seiner Glaubensgeschwister - bis dato anti-ökumenisch erzogen - liebevoll auf: „Die Vorstellung, dass ein Prediger einer anderen Kirche bei uns am Altar steht, löst mancherlei Gefühle aus" - und versuchte sie zu zerstreuen: Das Feiern gemeinsamer Gottesdienste oder das Durchführen gemeinsamer Segenshandlungen sei "keinesfalls Voraussetzung für den ökumenischen Dialog".

Seine Grundposition ist es, möglichst gute Kontakte zu anderen christlichen Gemeinschaften zu pflegen, ohne eigene Lehren zu relativieren. Er verwahrte sich beispielsweise dagegen, die Taufbestätigungshandlung so offen zu deuten, wie Volker Kühnle, der süddeutsche Apostel und Leiter der NAKI-Projektgruppe Ökumene, es tat. Dieser hatte in Gesprächen mit dem Arbeitskreis Christlicher Kirchen ein Verständnis der Taufbestätigung nahegelegt, nach der die Taufe einer anderen christlichen Gemeinschaft in der NAK ohne Einschränkung hätte akzeptiert werden können. Nach Lebers Auffassung muss jedoch - wie bisher - das neuapostolische Apostelamt dahinter stehen, damit das Sakrament Gültigkeit vor Gott hat. Insgesamt ist von ihm daher kein klares Bekenntnis zu einer ökumenischen Neuapostolischen Kirche zu erwarten.

Anders sieht es bei der Frage nach weiblichen Amtsträgern aus. Hier ließ der Hamburger in der Vergangenheit erkennen, dass er den Status Quo nicht als Glaubensdogma ansieht. Im Interview mit gk sagte er im Herbst 2003: „Derzeit ist unsere Haltung so, aus dieser Tradition heraus sehen wir da keinen Anlass, das zu verändern. Ich bin kein Prophet, ich kann nicht sagen, inwieweit Änderungen sein werden. Es wäre grundsätzlich nicht auszuschließen, aber ich würde erstmal davon ausgehen, dass die Regelung so beibehalten wird.“ Es ist also wahrscheinlich, dass er zumindest für eine Gleichwertigkeit der Frau in den seelsorgerischen Fähigkeiten eintritt.

Im Bereich Organisation gilt für den Bezirksapostel der Grundsatz: „Mir ist es immer wichtig, argumentativ vorzugehen, alle Entscheidungen, so weit das geht, zu begründen und transparent zu machen. Das hilft auch meinen Mitarbeitern.“ - Das hat er in zahlreichen Schreiben an seine führenden Ämter in den Kirchenbezirken bewiesen. Sein Hamburger Sekretariat ist bestens organisiert. Leber wird sich auch als Stammapostel seiner Verantwortung für organisatorische Dinge bewusst sein. Man darf des weiteren erwarten, dass er den internationalen Konflikten nicht aus dem Weg geht und sie mit der Schlagsahne Gottes zudeckt.

Zwiespältig ist seine Konfliktbereitschaft dennoch zu sehen. Zwar war er der einzige, der nicht wie das Kaninchen vor der Schlange schweigend vor der Kritik des ehemaligen Apostels Gerrit Sepers verharrte, sondern auf breiter Front Gegenargumente in Form einer Stellungnahme verbreitete. Es wäre ihm aber am liebsten, wenn davon nicht jeder etwas mitbekommen würde. Die Kommunikation erfolgt hier noch nach alten neuapostolischen Prinzipien: das geht die Geschwister nichts an, darüber soll nicht breit diskutiert werden. Ging man bisher davon aus, Leber trete für mehr Diskurs in und mit der Basis ein, so ist er mit seinen Kommentaren zu Sepers' Aussagen, die er den leitenden Ämtern vorbehielt, diesem Ideal nicht gerecht geworden.

Als Seelsorger hat Leber sich einen guten Namen gemacht: keiner bleibt ohne Antwort. Leber würde wahrscheinlich auch im obersten Kirchenamt jedem seine Durchwahl geben, ließe sich die Anzahl der Stunden pro Tag erhöhen und eine enstprechend ausgerüstete Telefonanlage beschaffen.

Seine Predigten haben eine klare Struktur und sogar so etwas wie eine Einleitung, einen Hauptteil und einen Schluß. Er schließt den Verstand als Mittel des Glaubenslebens nicht aus, betont aber auch: „Wir machen alle die Erfahrung, dass unser Horizont begrenzt ist und unsere verstandesmäßigen Überlegungen nur zu einem gewissen Teil ausreichen.“ Gleichwohl wirkt Wilhelm Leber nicht wie jemand, der sich überwiegend von Emotionen leiten lässt.

Möglicherweise wird er in seinem zukünftigen Amtsauftrag die Omnipräsenz des Stammapostels etwas zurückfahren. Zwar forderte er bei seinem Amtsantritt in NRW die Geschwister dazu auf, wieder vermehrt die Übertragungsgottesdienste des Stammapostels zu besuchen, doch er räumte im gk-Interview ein: „aus der Reaktion der Geschwister ist abzuleiten, dass da gewisse Abnutzungserscheinungen sind.“ Dies wird seine wichtigste Aufgabe sein: das Stammapostelamt in seiner Bedeutung neu zu definieren und zu stärken.
 
m.koch/, 2005-02-19
 
© glaubenskultur Verlag 1996-2009
 
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anmerkungen
  
 Im Herbst 2003 hat die gk-Redaktion mit Wilhelm Leber ein ausführliches Interview geführt. Dies wurde in Teilen Anfang 2004 veröffentlich. In einem bisher unveröffentlichten Teil ging es um das Stammapostelamt.

Lebenslauf von Apostel Schwerdtfeger